Linolschnitt vom Foto: ein Bild von Hand entwickeln
Linolschnitt vom Foto, Schritt für Schritt: wie aus einem Handybild ein Druck wird und warum sich das anfühlt wie Fotos entwickeln in der Dunkelkammer.

Kennst du den Moment in der Dunkelkammer, wenn das weisse Papier in der Schale liegt und plötzlich ein Bild auftaucht? Genau das passiert bei mir jedes Mal, wenn ich ein Blatt von der eingefärbten Platte abziehe. Ein Linolschnitt vom Foto ist für mich wörtlich das: ein Foto, das ich von Hand entwickle.
Nur dauert es bei mir keine Minuten in der Chemie. Es dauert Abende mit Messer und Linoleum. Und am Schluss gibt es diesen einen Moment, in dem man sieht, ob alles stimmt.
Warum ist ein Linolschnitt wie Fotos entwickeln?
Ein Foto hat tausend Graustufen. Ein Linolschnitt hat genau zwei: Farbe oder Papier. Es gibt kein Grau.
Darum ist der erste Schritt immer eine Entscheidung. Was wird schwarz, was bleibt weiss? Jeder Schnitt bestimmt, wo später Licht fällt. Was ich wegschneide, bleibt hell. Was stehen bleibt, nimmt Farbe auf und wird dunkel.
Ich arbeite also wie ein Fotograf, nur rückwärts und von Hand. Wo er belichtet, schneide ich. Und wie in der Dunkelkammer sehe ich das fertige Bild erst ganz am Ende, wenn ich das Papier nach dem Reiben mit dem Baren vorsichtig von der Platte hebe. Dann „entwickelt“ sich das Bild vor meinen Augen, Linie für Linie, wie ein Abzug, der in der Schale langsam erscheint.
Dieser Moment ist bis heute der schönste am ganzen Prozess.
Über Bern: vom Handyfoto zum Original
Ein Beispiel. Über Bern hat als ganz gewöhnliches Foto angefangen. Ich stand auf der Terrasse des Hotels Schweizerhof in Bern, habe über die Dächer geschaut und abgedrückt.
Auf dem Foto war alles da: Himmel, Dächer, Fassaden, ein paar hundert Grautöne. Für den Linolschnitt musste ich fast alles davon wieder wegnehmen. Übrig blieben Formen, Kanten und Licht. Genau das, was Bern von dort oben ausmacht.
Bei Casino Bern war es dasselbe Prinzip. Ein Gebäude, das man kennt, wird auf schwarze Flächen und geschnittene Linien reduziert. Und trotzdem erkennt man es sofort.
Linolschnitt Anleitung: vom Foto zum Druck in 6 Schritten
Wenn du einen Linoldruck selber machen willst, ist das der Ablauf, den ich heute nutze:
- Foto auswählen. Am besten eines mit klarem Licht und starken Schatten. Flaches, graues Licht ergibt flache Drucke.
- Auf Schwarz und Weiss vereinfachen. Zeichne das Foto ab und entscheide bei jeder Fläche: Farbe oder Papier. Grau gibt es nicht. Halbtöne baust du später mit Linien.
- Spiegeln und übertragen. Das Motiv muss seitenverkehrt auf die Platte, sonst kommt der Druck falsch herum heraus.
- Schneiden. Alles, was weiss bleiben soll, schneidest du weg. Langsam. Ein Schnitt lässt sich nicht zurücknehmen.
- Einfärben. Farbe mit der Walze dünn und gleichmässig auf die Platte rollen.
- Drucken und abziehen. Papier auflegen, mit dem Baren in kleinen Kreisen reiben, dann das Blatt langsam abheben. Jetzt siehst du, was du die ganze Zeit gemacht hast.
Welche Messer und welchen Baren ich dafür nutze, steht in meinem Artikel über mein Werkzeug für Linolschnitt.
Wie übertrage ich ein Foto aufs Linoleum?
Hier habe ich einiges ausprobiert. Am Anfang habe ich mit Durchschlagpapier gearbeitet, also abgepaust und die Linien aufs Linoleum durchgedrückt. Inzwischen übertrage ich manche Zeichnungen mit einem Tattoo-Stencil-Drucker. Das geht schnell.
Am besten funktioniert aber etwas ganz Altmodisches: alles noch einmal von Hand auf die Platte zeichnen. Beim Nachzeichnen entscheide ich nämlich schon, wo die Linien hinkommen. Der Kopf ist dann beim Schneiden schon einen Schritt weiter.
Und jetzt der ehrliche Teil. Mir ist es mehr als einmal passiert, dass ich ein Motiv halb geschnitten hatte und erst dann gemerkt habe: nicht gespiegelt. Der ganze Druck wäre seitenverkehrt herausgekommen. Seitdem kontrolliere ich das vor dem ersten Schnitt immer zweimal. Bei einer Stadtansicht merkt es vielleicht nicht jeder. Ich schon.
Wie wird aus Grau ein Linolschnitt?
Wenn es kein Grau gibt, wie zeigt man dann Abendlicht oder eine Wolke? Mit Linien. Je dichter die Linien, desto dunkler wirkt eine Fläche. Je weiter auseinander, desto heller. Auch die Richtung spielt eine Rolle, weil sie Bewegung und Form ins Bild bringt.
So entsteht bei mir der Eindruck von Licht, obwohl auf dem Papier nur zwei Zustände existieren. Warum ich so gern mit parallelen Linien arbeite und wie daraus mein Stil wurde, erzähle ich in von Linien zu Lichtstrahlen.
Was am Ende auf dem Papier liegt
Jedes Blatt reibe ich einzeln von Hand ab. Darum ist kein Druck genau gleich wie der andere. Kleine Unterschiede in der Farbe sind der Beweis, dass keine Maschine im Spiel war.
Und jedes Mal, wenn ich das Papier abhebe, ist da wieder dieser Dunkelkammer-Moment. Das Foto, das ich irgendwann auf einer Terrasse gemacht habe, ist jetzt ein Bild aus Farbe und Papier.
Wenn du sehen willst, wie das bei einem fertigen Original aussieht: Über Bern findest du im Shop, zusammen mit allen anderen Originalen.
Blätter in diesem Beitrag
Fragen
Kann ich jedes Foto für einen Linolschnitt verwenden?
Fast jedes, aber Fotos mit klarem Licht und starken Schatten funktionieren am besten. Im Linolschnitt gibt es kein Grau, also muss das Bild auch in reinem Schwarz und Weiss noch lesbar sein.
Warum muss das Motiv gespiegelt werden?
Beim Drucken wird das Bild von der Platte aufs Papier umgedreht. Wer nicht spiegelt, bekommt einen seitenverkehrten Druck, und Schrift steht dann rückwärts.
Brauche ich für einen Linoldruck eine Presse?
Nein. Ich habe keine einzige Presse. Jedes Blatt reibe ich von Hand mit einem Baren aus Bambus ab.




