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Brunnen in Bern: der Kindlifresser als Linolschnitt

Über 100 Brunnen in Bern, und einer frisst Kinder: der Kindlifresserbrunnen, seine umstrittene Geschichte und wie er zu meinem Linolschnitt wurde.

Richard Červenka, Bern · · 4 Min. Lesezeit

Gerahmter Linolschnitt im Hochformat: der Kindlifresserbrunnen in Bern, die Figur auf ihrer Säule, umgeben von geschnittenen Lichtstrahlen

Mitten in der Berner Altstadt sitzt ein Riese und verschlingt ein Kind. Weitere Kinder stecken in seinem Sack, und das seit fast 500 Jahren, ein paar Schritte vom Zytglogge entfernt.

Der Kindlifresserbrunnen ist einer der bekanntesten Brunnen in Bern. Für mich ist er auch der Brunnen, aus dem mein Linolschnitt „Der Brunnen, Bern“ geworden ist.

Wie viele Brunnen hat Bern?

Bern hat über 100 öffentliche Brunnen. Du gehst in der Altstadt kaum eine Gasse entlang, ohne irgendwo Wasser plätschern zu hören.

Elf davon sind etwas Besonderes: die Figurenbrunnen aus dem 16. Jahrhundert. Auf einer Säule steht jeweils eine bemalte Figur, die meisten werden dem Bildhauer Hans Gieng zugeschrieben. Drei, an denen ich immer wieder stehen bleibe:

  • Schützenbrunnen in der Marktgasse: ein Bannerträger in Rüstung, zwischen seinen Beinen ein kleiner Bär mit Gewehr.
  • Läuferbrunnen auf dem Läuferplatz, vor der Untertorbrücke: ein Bote der Stadt, begleitet von einem jungen Bären.
  • Ryfflibrunnen in der Aarbergergasse: ein Schütze mit Federhut, neben ihm wieder ein bewaffneter Bär.

Bären mit Waffen, Boten, Bannerträger. Und dann, auf dem Kornhausplatz, einer, der Kinder frisst. Neben ihm wirken die anderen fast harmlos.

Was ist die Geschichte des Kindlifresserbrunnens?

Der Brunnen entstand um 1545/46. Die Figur wird Hans Gieng zugeschrieben, einem Bildhauer aus Freiburg, der in den 1540er-Jahren in Bern arbeitete. Sie ersetzte einen älteren Brunnen aus Holz.

Zuerst hiess er schlicht Platzbrunnen. Der Name Kindlifresserbrunnen taucht erst 1666 auf. „Kindli“ ist Berndeutsch für ein kleines Kind.

Die Figur sitzt und hat ein nacktes Kind halb im Mund. Unten am Sockel ziehen Bären mit Waffen in den Krieg, mit Pfeifer und Trommler. Eine Inschrift, die erklärt, was das alles soll, gibt es nicht. Genau das macht ihn bis heute so rätselhaft.

Was bedeutet der Kindlifresser?

Ehrlich: Das weiss niemand sicher. Die häufigste Deutung ist eine Schreckfigur, die Kinder zum Bravsein bringen oder vom Wasser fernhalten sollte. Andere sehen darin den griechischen Gott Kronos, der seine Kinder frass, oder eine Fasnachtsfigur.

Es gibt aber auch eine dunklere Lesart. Spätestens seit dem 19. Jahrhundert wird die Figur als antisemitisches Bild gedeutet, als Anspielung auf die alte Ritualmord-Legende gegen Juden. Ob das von Anfang an so gemeint war, ist unter Fachleuten umstritten.

Die Stadt Bern hat 2024 darum eine neue Informationstafel ergänzt, die auch diese Deutung nennt. Ich finde das richtig. Wer vor dem Brunnen steht, sollte beides wissen: dass er ein Stück Stadtgeschichte ist und dass er Menschen verletzen kann. Mehr dazu hat swissinfo zusammengetragen, die Grundlagen stehen auf Wikipedia.

Warum ausgerechnet dieser Brunnen?

Weil er mich fasziniert. Der Brunnen hat eine spannende Geschichte, und allein die Tatsache, dass da jemand, ein Monster, Kinder frisst, ist schon gruselig genug. Davon komme ich nicht los.

Dazu kommt das Format. Eine Figur auf einer hohen Säule ist wie gemacht für ein schmales Hochformat. Im Druck steht der Kindlifresser auf seiner Säule, und rundherum laufen parallele Schnitte nach aussen, wie Strahlen aus geschnittenem Licht. Der Hintergrund ist fast nur Linien.

Im Linolschnitt gibt es kein Grau, nur Farbe oder Papier. Die vielen Details der Figur, die Falten, der Sack, die Köpfe der Kinder, müssen also alle als klare Fläche oder als Linie funktionieren. Und jeder Schnitt ist endgültig.

Meine Zeichnungen übertrage ich inzwischen am liebsten, indem ich alles von Hand neu zeichne. Gespiegelt, natürlich. Und ja, es ist mir schon mehr als einmal passiert, dass ein Motiv halb geschnitten war, bevor ich merkte, dass ich das Spiegeln vergessen hatte. Bei einem Brunnen, den halb Bern kennt, wäre ein spiegelverkehrter Kindlifresser ziemlich aufgefallen.

Die Strasse ist unsere Galerie

Die Brunnen sind nur der Anfang. Bern ist voller Kunst, die nichts kostet und keine Öffnungszeiten hat: Skulpturen, Reliefs, Wandbilder.

Auf der Karte Kunst in Bern vom Verein übrig findest du 493 Kunstwerke im öffentlichen Raum. Jedes Werk hat dort eine eigene Seite, auch der Kindlifresserbrunnen. Mit einem Knopf zeigt dir die Karte das nächste Werk und den Fussweg dorthin. Warum ich von jedem Original 5 Franken an übrig gebe, steht im Artikel über übrig und Kunst kaufen in Bern.

Wenn du den Kindlifresser bei dir an der Wand haben willst, findest du Der Brunnen, Bern als Original im Shop. Und wie aus einer Zeichnung all diese Strahlen werden, erzähle ich im Artikel über die Linien.

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Fragen

Wo steht der Kindlifresserbrunnen in Bern?

Auf dem Kornhausplatz in der Berner Altstadt, ein paar Schritte vom Zytglogge entfernt. Er ist frei zugänglich, Tag und Nacht.

Was bedeutet der Kindlifresser?

Das weiss niemand sicher, es gibt keine Inschrift und kein Dokument dazu. Die häufigste Deutung ist eine Schreckfigur für Kinder. Die Figur wird aber auch antisemitisch gelesen, darum hat die Stadt Bern 2024 eine Informationstafel ergänzt.

Wie viele Figurenbrunnen gibt es in Bern?

Bern hat über 100 öffentliche Brunnen. Elf davon sind Figurenbrunnen aus dem 16. Jahrhundert in der Altstadt, die meisten werden dem Bildhauer Hans Gieng zugeschrieben.

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